Einfach mal an den See fahren … Eine spontane Idee einfach in die Tat umzusetzen, das ist nicht jedem Menschen möglich. Wer eine Behinderung oder Beeinträchtigung hat, ist dabei oft auf die Unterstützung anderer angewiesen. Ob es mit der Spontanität dann auch klappt, hängt von der Lust und Laune Angehöriger oder Freunde ab.
Dass es auch anders geht, wissen viele Betroffene nicht. Der Schlüssel zur Lösung ist die sogenannte persönliche Assistenz. In Schule und Beruf hat sich diese Art der Begleitung längst herumgesprochen. Dass aber Assistenz auch in der Freizeit möglich ist, wusste selbst Annemarie Kock nicht. Die Stendalerin ist von Geburt an blind. Um Leben und Alltag selbstbestimmt gestalten zu können, braucht sie jemanden, der ihr zur Seite steht. „Dass das auch in der Freizeit möglich ist, habe ich bis 2020 selbst nicht gewusst“, erzählt Annemarie Kock beim ersten Inklusionscafé in Stendal.
Die Veranstaltung hat sie als Beraterin der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB®) selbst ins Leben gerufen. Um Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung eine Möglichkeit zu geben, sich ungezwungener als in einer Beratungssituation über Probleme mit Bürokratie, im Alltag oder bei Fragen zu Hilfemöglichkeiten auszutauschen. „Es ist manchmal schwierig diese Menschen zu überzeugen, dass sie Hilfe in Anspruch nehmen können und ihr Recht durchzusetzen. Die Erfahrung, dass sich doch nichts ändert, sitzt bei vielen tief“, weiß die Stendalerin. Doch die eigene Erfahrung zeigt: Es ist mühsam, aber es lohnt sich.
Passende Assistenz ist lebensverändernd
Genau das will sie weitergeben, im Inklusionscafé mit dem Thema "Assistenz", und erzählt deshalb viel vom eigenen Weg. Ihr damaliger EUTB-Berater habe sie motiviert, einen formlosen Antrag auf Freizeitassistenz zu stellen, darin ihren persönlichen Bedarf zu formulieren, auf den Grad der Behinderung zu verweisen, und zu beschreiben, was alles ohne Assistenz nicht möglich ist. „Man muss eine ganze Menge Formulare ausfüllen“, erzählt Annemarie Kock vom Kampf mit der Bürokratie. Und sie erzählt vom Versuch des Amtes, das Ersuchen abzulehnen. Doch sie bleibt dran. Und bekommt dann ihr Gesamtplangespräch. Ein entscheidender Moment, in dem alle Aspekte des Lebens ausgebreitet werden, um festzulegen, wie umfänglich die begleitende Hilfe sein muss und finanziell sein kann.
Was sie heute an andere Menschen weitergibt und auch im Inklusionscafé sagt: "Ich würde immer wieder empfehlen, eine Vertrauensperson mit zum Gespräch zu nehmen oder einen Beratenden der EUTB. Denn hier geht es darum, wie selbstbestimmt die eigene Zukunft des Menschen mit Behinderung aussieht." Weiter berichtet sie: "Das ist eine anstrengende Zeit. Aber wenn man erstmal die Bewilligung hat, geht der Stress weiter." Eine Assistenz genehmigt zu bekommen, ist nur ein Aspekt. Passende Menschen zu finden, die die Assistenz auch leisten können – und zwar im Sinne des Betroffenen –, das kostet auch wieder Zeit und Geduld.
Grundsätzlich haben Betroffene zwei Optionen: Assistenz im Arbeitsleben wie in der Freizeit umzusetzen. Entweder sie werden selbst Arbeitgeber, definieren, wie Assistenz aussehen soll, wann und was zu leisten ist, führen Bewerbungsgespräche und stellen dann die gewünschten Personen ein. Oder Betroffene entscheiden sich für ein Dienstleistermodell, also einen Verein, der entsprechende Personen sucht und vermittelt. Dieses Verfahren bietet der Muldentaler Assistenzverein, den Annemarie Kock ebenfalls zum ersten Inklusionscafé in Stendal eingeladen hat.
Behinderung muss immer individuell betrachtet werden
Annemarie Kock hat sich für das Arbeitgebermodell entschieden. Sie hat alle Entscheidungen selbst in die Hand genommen und bezahlt die Unterstützung von ihrem persönlichen Budget, das ihr für die Teilhabe zusteht. Nur die Abrechnung mit den Kostenträgern hat sie in andere Hände abgegeben. Sie weiß aber auch, so wie Jörg Seliger, stellvertretender Vorsitzender des Muldentaler Assistenzvereins, dass das Arbeitgebermodell nicht für jeden Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung funktioniert: "Behinderung oder Beeinträchtigung ist individuell. Jeder Fall ist anders, jeder hat einen anderen Bedarf. Der eine braucht nur zwei Stunden Unterstützung, der andere braucht sie jeden Tag rund um die Uhr." Wie viele Personen persönliche Assistenz umfassen kann, überrascht manchen Gast im Inklusionscafé. Annemarie Kock hat drei Assistentinnen, – eine im Beruf für 25 Stunden, zwei weitere in der Freizeit für jeweils 20 Stunden. "Bei einer 24/7-Betreuung braucht es mindestens fünf Personen. Allein schon deshalb, weil auch mal jemand krank sein kann oder Urlaub hat", berichtet Jörg Seliger als Vergleich.
Und: "Bis es richtig funktioniert, sich alle Abläufe eingespielt haben, hat es bei mir ein Jahr gedauert. Das war eine intensive Zeit, in der ich auch für mich selbst erst einmal klären musste, was ich brauche und was ich von meinen Assistenzen erwarte. Das dauert eben, denn es sind Menschen, die man einstellt, keine Laptops. Es ist ein Prozess, bei dem alle miteinander lernen müssen", erzählt Annemarie Kock. Regelmäßige Teamgespräche mit ihren Assistenzen helfen dabei ungemein.
All das klingt anstrengend. Aber, so sagt die EUTB-Beraterin: "Mit Assistenz ist mein Alltag viel entspannter. Ich kann einkaufen, wo und wie viel ich will, nicht nur um die Ecke und mehr als ein paar Flaschen Wasser. Ich kann jemanden besuchen, wann ich will, und im Sommer auch mal an den See, ohne darauf warten zu müssen, ob jemand dazu mal Lust hat."
Inklusionscafé fördert unkomplizierten Austausch
Solche Erfahrungen teilen zu können, ist für betroffene Menschen und Angehörige wichtig. Zwischen Kaffee und selbst gebackenem Kuchen erzählen sie sich leicht und eindrücklich. Und noch leichter lässt sich fragen: Wie das alles mit dem Geld funktioniert? Und wie das genau im Gesetz geregelt ist? Ob es eine Ausbildung gibt oder ob Freizeitassistenz mit besonderen Wohnformen vereinbar ist. In welchem Verhältnis Assistenz und Pflege stehen. Und, und, und.
Und die übrigen Gäste öffnen sich. Berichten von eigenen Erlebnissen. Davon, wie sie als Angehörige unermüdlich und auf langen Strecken unterwegs sind, um Arztbesuche oder alle paar Wochen mal einen Schwimmbadbesuch zu ermöglichen. Andere erzählen davon, dass sie sich von Behörden und deren Mitarbeitenden oft nicht ernst genommen fühlen. Das immer wieder Stillstand herrscht. Aber auch, dass einen nächsten Schritt zu gehen, gerade hier ganz schnell gehen kann: "Rufen Sie mich morgen einfach mal an. Dann schauen wir, ob wir da kurzfristig weiterkommen", sagt eine der Netzwerkpartnerinnen, die das Inklusionscafé ebenfalls unterstützt.
Damit erfüllt sich ein Wunsch, den Annemarie Kock mit dem Inklusionscafé verfolgt: einen unkomplizierten Austausch und schnelle Unterstützung. Was sich die EUTB-Beraterin noch erhofft, ist, dass ihre EUTB und die Beratung, die sie als Betroffene anderen Betroffenen angedeihen lassen kann, bekannter wird. Deshalb soll die Veranstaltung nun alle drei Monate in der Kleinen Markthalle in Stendal wiederholt werden. Jedes Mal mit einem anderen Thema. Dass bei der ersten Veranstaltung rund zwölf Gäste dabei waren - Betroffene, Angehörige, Netzwerkpartner und auch Landrat Patrick Puhlmann -, macht ihr Hoffnung. Sie hat auch schon andere Erfahrungen gemacht.
Weiter geht es am 16. Juni 2025. Dann mit dem Thema „Arbeit und Behinderung“, unterstützt vom Integrationsamt und Integrationsfachdienst vor Ort.